Teil B Nr. 15 – Stoffwechsel, innere Sekretion
In diesem Abschnitt nicht erwähnte angeborene Stoffwechselstörungen sind analog und unter Berücksichtigung ihrer vielfältigen Auswirkungen zu beurteilen. Normabweichungen der Laborwerte bedingen für sich allein noch keinen GdS.
15.1 Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus)
Therapie kann regelhaft keine Hypoglykämie auslösen; Lebensführung kaum beeinträchtigt
Therapie kann Hypoglykämie auslösen; Einschnitte in der Lebensführung und signifikante Teilhabebeeinträchtigung
Therapie kann Hypoglykämie auslösen; mindestens einmal täglich dokumentierte Blutzuckerselbstkontrolle; weitere Einschnitte in der Lebensführung
Mindestens vier Insulininjektionen täglich bzw. entsprechende Pumpengaben, selbständige Dosisvariation und erhebliche Einschnitte mit gravierender Beeinträchtigung der Lebensführung
Außergewöhnlich schwer regulierbare Stoffwechsellagen können jeweils höhere GdS-Werte bedingen.
Kinder und Jugendliche: GdB 50 bleibt eine Einzelfallentscheidung
Bereinigt: Die auf der bisherigen Seite als Diabetes-Entscheidung angegebene Fundstelle BSG, 16.03.2016 – B 9 SB 1/15 R wurde entfernt. Dieses Urteil betrifft Morbus Parkinson und das Merkzeichen aG, nicht Diabetes mellitus. Die ältere Entscheidung SG Aachen vom 18.11.2020 – S 26 SB 965/17 wird nicht mehr als allgemeine Regel „GdB 50 ab Kindergartenalter“ dargestellt; die aktuelle höchstrichterliche Entscheidung BSG vom 12.12.2024 – B 9 SB 2/24 R verlangt eine individuelle Prüfung zusätzlicher gewichtiger Teilhabeeinschränkungen.
15.2 Gicht
Bei der Beurteilung des GdS sind die Funktionseinschränkungen der betroffenen Gelenke, Schmerzen, Häufigkeit und Schwere der entzündlichen Schübe und eine Beteiligung der inneren Organe zu berücksichtigen.
15.3 Fettstoffwechselkrankheit
Der GdS ist grundsätzlich abhängig von dem Ausmaß der Folgekrankheiten.
Bei Notwendigkeit einer LDL-Apherese
Alimentäre Fettsucht, Adipositas
Die Adipositas allein bedingt keinen GdS. Nur Folge- und Begleitschäden, insbesondere am kardiopulmonalen System oder am Stütz- und Bewegungsapparat, können die Annahme eines GdS begründen. Gleiches gilt für die besonderen funktionellen Auswirkungen einer Adipositas permagna.
15.4 Phenylketonurie
ohne fassbare Folgeerscheinungen
im Kindesalter bis zur Vollendung des 16. Lebensjahres
danach bei Notwendigkeit weiterer Diäteinnahme
Beim Vorliegen eines Hirnschadens ist der GdS vor allem vom Ausmaß der geistigen Behinderung und weiterer Folgen, etwa hirnorganischer Anfälle, abhängig.
15.5 Mukoviszidose (zystische Fibrose)
Unter Therapie Aktivitäten, Gedeihen und Ernährung altersgemäß
Unter Therapie Aktivitäten und Lungenfunktion leicht eingeschränkt, Gedeihen und Ernährung noch altersgemäß
Aktivitäten und Lungenfunktion deutlich eingeschränkt, häufig Gedeih- und Entwicklungsstörungen; Schulbesuch und Erwerbstätigkeit in der Regel noch möglich
Schwere bis schwerste Einschränkung der Aktivitäten, der Lungenfunktion und des Ernährungszustandes
Folgekrankheiten, etwa Diabetes mellitus, Impotenz oder Leberzirrhose, sind gegebenenfalls zusätzlich zu berücksichtigen.
15.6 Schilddrüsenkrankheiten
Schilddrüsenfunktionsstörungen sind gut behandelbar, sodass in der Regel anhaltende Beeinträchtigungen nicht zu erwarten sind. Selten auftretende Organkomplikationen, etwa Exophthalmus oder Trachealstenose, sind gesondert zu beurteilen. Bei der nicht operativ behandelten Struma richtet sich der GdS nach den funktionellen Auswirkungen.
Nach Entfernung eines malignen Schilddrüsentumors
In den ersten fünf Jahren ist eine Heilungsbewährung abzuwarten.
Nach Entfernung eines papillären oder follikulären Tumors ohne Lymphknotenbefall
Sonst
Bedingt der nach der Entfernung verbliebene Organschaden einen GdS von 50 oder mehr, ist der während der Heilungsbewährung anzusetzende GdS entsprechend höher zu bewerten.
Tetanie
Sie ist gut behandelbar, sodass in der Regel dauernde Beeinträchtigungen nicht zu erwarten sind.
15.7 Chronische Nebennierenrindeninsuffizienz (Addison-Syndrom)
Sie ist gut behandelbar, sodass in der Regel dauernde Beeinträchtigungen nicht zu erwarten sind. Selten auftretende Funktionsstörungen sind analogen funktionellen Beeinträchtigungen, etwa einer orthostatischen Fehlregulation, entsprechend zu beurteilen.
Adrenogenitales Syndrom (AGS) mit Salzverlust
Das AGS mit Salzverlust ist in Nr. 15.7 nicht mit einem eigenen Tabellenwert geregelt. Die neuere Rechtsprechung beurteilt deshalb den konkreten Therapieaufwand und die tatsächlichen Teilhabefolgen; eine schematische Übernahme älterer hoher AHP-Werte ist nicht zulässig.
Cushing-Syndrom
Der GdS wird bestimmt von der Muskelschwäche und den Auswirkungen an den verschiedenen Organsystemen, insbesondere Hypertonie, Herzinsuffizienz, Diabetes mellitus, Osteoporose und psychischen Veränderungen.
15.8 Porphyrien
Erythropoetische Porphyrie (Günther-Krankheit)
Hepatische Porphyrien
Akut-intermittierende Porphyrie
Porphyria cutanea tarda ohne wesentliche Beschwerden
Organkomplikationen sind jeweils zusätzlich zu berücksichtigen.

Stoffwechsel, innere Sekretion: Bewertungsmaßstäbe und Rechtsprechung
Die amtlichen Tabellenwerte bilden den Ausgangspunkt. Für die praktische Bewertung sind die konkrete Funktionsbeeinträchtigung, Dauer und Behandlungsbedarf sowie die durch die Rechtsprechung herausgearbeiteten Schwellen und Abgrenzungskriterien maßgeblich.
15.1 Diabetes mellitus
Bewertungsprinzip: Beim Diabetes mellitus entscheidet nicht die Diagnose und auch nicht die Zahl der Insulingaben für sich allein. Maßgeblich ist, wie sich Therapieaufwand, Stoffwechselqualität und sonstige Krankheitsfolgen auf die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft auswirken.
Der praktisch wichtigste Streitpunkt ist die Abgrenzung zwischen GdB 40 und GdB 50. Für den GdB 50 genügt eine intensivierte Insulintherapie allein nicht; zusätzlich müssen erhebliche Einschnitte vorliegen, die den Betroffenen gravierend in seiner Lebensführung beeinträchtigen.
1. Bewertungssystem: Teilhabebeeinträchtigung statt Diagnose
Teil B Nr. 15.1 VMG enthält ein abgestuftes System. Es reicht von GdB 0 bei einer Therapie, die regelhaft keine Hypoglykämie auslösen kann, über GdB 20 und GdB 30–40 bis zum GdB 50 bei einer ausgeprägten Teilhabebeeinträchtigung. Maßgebend sind dabei nicht Typ 1 oder Typ 2 als solche, sondern der konkrete Therapieaufwand, die Einstellungsqualität und die tatsächlichen Auswirkungen der Erkrankung.
| Bewertung | Typischer Anknüpfungspunkt | Entscheidend für die Praxis |
|---|---|---|
| GdB 0 | Therapie kann regelhaft keine Hypoglykämie auslösen. | Kaum Beeinträchtigung der Lebensführung; kein relevanter Therapieaufwand im Sinne einer Teilhabebeeinträchtigung. |
| GdB 20 | Therapie kann Hypoglykämie auslösen. | Einschnitte in der Lebensführung und signifikante Teilhabebeeinträchtigung. |
| GdB 30–40 | Hypoglykämierisiko, mindestens einmal täglich dokumentierte Blutzuckerkontrolle und weitere Einschnitte. | Abstufung nach Therapieaufwand und Güte der Stoffwechseleinstellung. |
| GdB 50 | Intensivierte Insulintherapie mit mindestens vier täglichen Insulingaben bzw. entsprechend dokumentierter Pumpentherapie und selbständiger Dosisvariation. | Zusätzlich erhebliche Einschnitte mit gravierender Beeinträchtigung der Lebensführung. |
| über 50 | Keine reguläre Bewertungsstufe. | Nur über Teil B Nr. 15.1 Abs. 5 bei außergewöhnlich schwer regulierbarer Stoffwechsellage denkbar. |
2. Die Schwelle zum GdB 50
Für einen GdB 50 nennt Teil B Nr. 15.1 Abs. 4 drei Voraussetzungen: mindestens vier Insulininjektionen täglich, die selbständige Variation der Insulindosis in Abhängigkeit von aktuellem Blutzucker, Mahlzeit und körperlicher Belastung sowie eine gravierende Beeinträchtigung der Lebensführung durch erhebliche Einschnitte.
Kernaussage: „Viermal Insulin“ bedeutet nicht automatisch GdB 50.
Die ersten beiden therapiebezogenen Voraussetzungen sind notwendig. Sie ersetzen aber nicht die zusätzliche Prüfung, ob die Auswirkungen des Diabetes den Betroffenen insgesamt gravierend in seiner Lebensführung beeinträchtigen.
Das Bundessozialgericht hat diese zusätzliche Anforderung bereits im Urteil vom 25.10.2012 – B 9 SB 2/12 R – herausgearbeitet. Das LSG Nordrhein-Westfalen hat sie in neueren Entscheidungen erneut ausdrücklich bestätigt. Die mit einer intensivierten Insulintherapie zwangsläufig verbundenen Belastungen sind deshalb nicht nochmals als „gravierender Einschnitt“ zu zählen; erforderlich ist ein darüber hinausgehendes Gewicht.
3. Insulinpumpe und moderne Insulintherapie
Die Pumpentherapie ist nicht deshalb geringer zu bewerten, weil keine vier einzelnen manuellen Injektionen stattfinden. Der Wortlaut der VMG verlangt ausdrücklich die Dokumentation der Blutzuckerselbstmessungen und Insulindosen beziehungsweise der Insulingaben über die Insulinpumpe. Entscheidend bleibt daher die konkrete Therapieintensität und Teilhabewirkung.
Für die Bewertung ist nicht die technische Form der Insulinzufuhr ausschlaggebend, sondern ob die Therapie in ihrer Intensität und Steuerungsnotwendigkeit dem in Abs. 4 beschriebenen Niveau entspricht und zusätzlich die erforderlichen gravierenden Einschnitte vorliegen.
4. Was bedeutet „gravierend in der Lebensführung beeinträchtigt“?
Dies ist regelmäßig das entscheidende Tatbestandsmerkmal. Die Rechtsprechung verlangt eine wertende Betrachtung der tatsächlichen Auswirkungen im Alltag. Von Bedeutung sind insbesondere:
Starre oder außergewöhnlich belastende Planung, erhebliche Einschränkungen bei Nahrungsaufnahme und Mahlzeitenzubereitung.
Nicht jede Vorsorge oder Planung genügt. Relevant werden ungewöhnlich weitgehende tatsächliche Einschränkungen.
Nächtliche Kontrollen, schwere Hypoglykämien, Fremdinterventionen und wiederkehrende akute Entgleisungen können besonderes Gewicht haben.
Instabile Stoffwechsellage, unzureichender Therapieerfolg, stationäre Behandlungen und relevante Folgeerkrankungen sind einzubeziehen.
Die bloße Aufzählung diabetesbedingter Unannehmlichkeiten reicht nicht. Entscheidend ist, wie stark und wie häufig sich diese im konkreten Leben auswirken.
5. Gesamtbetrachtung statt schematischer Einzelprüfung
Die drei Voraussetzungen des Abs. 4 müssen erfüllt sein. Sie dürfen aber nicht losgelöst voneinander mechanisch abgehakt werden. Das Bundessozialgericht verlangt eine sachgerechte Beurteilung des Gesamtzustands und eine Gesamtbetrachtung der Teilhabebeeinträchtigungen in allen Lebensbereichen.
Für die Kommentierung lassen sich drei besonders wichtige Bewertungsachsen unterscheiden:
Therapieaufwand: Geht der Aufwand über das ohnehin vorausgesetzte Maß einer intensivierten Insulintherapie hinaus?
Stoffwechselqualität: Wird trotz sachgerechter Behandlung keine stabile Einstellung erreicht? Treten schwere Hypo- oder Hyperglykämien auf?
Sonstige Auswirkungen: Bestehen weitere erhebliche krankheitsbedingte Einschnitte oder Folgeerkrankungen?
Ein besonderes berufliches Betroffensein erhöht den GdB nicht automatisch. Berufliche Einschränkungen können aber als ein Lebensbereich innerhalb der Gesamtbetrachtung berücksichtigt werden. Auch die Aufgabe eines konkreten Berufswunsches genügt für sich allein nicht.
6. Kinder und Jugendliche
Bei Kindern und Jugendlichen darf der altersbedingt erhöhte Hilfebedarf nicht automatisch zu GdB 50 führen. Die GdB-Werte sind grundsätzlich altersunabhängige Mittelwerte. Ein abstraktes Risiko sozialer Benachteiligung oder eine intensive elterliche Unterstützung genügt deshalb für sich genommen nicht.
Entscheidend ist die tatsächliche Realisierung:
Wenn sich die notwendigen Kontrollen und Hilfen konkret auf Selbständigkeit, Privatsphäre, soziale Integration oder altersgemäße Entwicklung auswirken, können diese Auswirkungen das Gewicht eines gravierenden Einschnitts erreichen.
Besonders anschaulich ist der Gerichtsbescheid des SG Halle vom 05.12.2023 – S 24 SB 195/22: Die häufig notwendigen Kontrollen durch die Mutter griffen in der Adoleszenz so weit in die Privatsphäre ein, dass das Gericht hierin eine zusätzliche gravierende Belastung sah und GdB 50 zusprach.
7. Außergewöhnlich schwer regulierbare Stoffwechsellage – Abs. 5
Teil B Nr. 15.1 Abs. 5 enthält eine eigenständige Öffnungsklausel. Eine außergewöhnlich schwer regulierbare Stoffwechsellage kann einen höheren Wert rechtfertigen. Gemeint ist nicht jede schwankende oder zeitweise schwierige Einstellung.
Ein wichtiger Positivfall ist das Urteil des LSG Sachsen-Anhalt vom 20.12.2012 – L 7 SB 33/10. Dort führte das Zusammenwirken von Diabetes mellitus, Morbus Addison und Morbus Basedow zu einer außergewöhnlich schwer regulierbaren Stoffwechsellage. Der nach Abs. 3 ausgeschöpfte GdB 40 wurde auf GdB 50 angehoben.
Schwere Hypoglykämien mit Fremdhilfe, ausgeprägte hyperglykämische Entgleisungen, wiederholte stationäre Behandlungsbedürftigkeit oder vergleichbar objektivierbare Probleme können Hinweise sein. Sie ersetzen jedoch nicht die Prüfung des Einzelfalls.
8. GdB 60 bei Diabetes mellitus?
Ergebnis: Teil B Nr. 15.1 enthält keine reguläre Bewertungsstufe „GdB 60“.
Ein Einzel-GdB oberhalb von 50 ist nur über die Öffnungsklausel des Abs. 5 denkbar. In den hier ausgewerteten Entscheidungen findet sich kein Fall, in dem nach der seit 22.07.2010 geltenden Fassung allein für den Diabetes mellitus tatsächlich ein Einzel-GdB 60 zuerkannt worden wäre.
Das bedeutet nicht, dass ein GdB über 50 rechtlich ausgeschlossen wäre. Der Wortlaut des Abs. 5 lässt höhere Werte ausdrücklich zu. Die ausgewertete Rechtsprechung zeigt jedoch eine sehr zurückhaltende Anwendung. Insbesondere wurde Abs. 5 mehrfach nur dazu herangezogen, einen nach Abs. 3 mit 40 bewerteten Diabetes auf 50 anzuheben.
9. Praxis: Was sollte für GdB 50 dokumentiert werden?
Wer einen GdB 50 geltend macht, sollte nicht nur Blutzuckerwerte und Insulindosen vorlegen. Gerade die zusätzliche gravierende Beeinträchtigung der Lebensführung muss nachvollziehbar dokumentiert werden.
| Bereich | Sinnvolle Dokumentation |
|---|---|
| Therapie | Insulindosen bzw. Pumpendaten, Dosisanpassungen, Korrekturen, Mess-/Sensordaten, ungewöhnlicher zusätzlicher Therapieaufwand. |
| Entgleisungen | Schwere Hypo-/Hyperglykämien, Fremdhilfe, Rettungsdienst, stationäre Behandlungen, dokumentierte Ausfallzeiten. |
| Nacht | Nächtliche Kontrollen und Interventionen, Häufigkeit von Schlafunterbrechungen und Fremdhilfe. |
| Alltag | Konkrete Einschränkungen bei Mahlzeiten, Tagesplanung, Freizeit, Sport, Reisen und gesellschaftlichen Veranstaltungen. |
| Schule/Beruf | Tatsächliche krankheitsbedingte Ausfälle und Einschränkungen; nicht lediglich abstraktes besonderes berufliches Betroffensein. |
| Folgen | Objektivierte Folgeerkrankungen und deren funktionelle Auswirkungen. |
10. Rechtsprechung – systematisch nach Aussagegehalt
Grundsatzentscheidung: zusätzliche gravierende Lebensbeeinträchtigung
Der GdB 50 setzt neben dem Therapieaufwand eine insgesamt erhebliche Beeinträchtigung der Lebensführung voraus.
Gesamtbetrachtung aller Lebensbereiche
Die ausgeprägte Teilhabebeeinträchtigung verlangt eine Gesamtbetrachtung. Ein einzelner Lebensbereich darf nicht schematisch ausgeblendet werden; die Anforderungen bleiben aber streng.
Vier Injektionen und Dosisvariation reichen allein nicht
Zusätzlich sind erhebliche und gravierende Einschnitte erforderlich; maßgeblich sind insbesondere Tagesablauf, Freizeit, Mahlzeiten und Mobilität.
Sechs Insulingaben und sechs bis acht Messungen noch nicht außergewöhnlich
Auch eine intensive leitliniengerechte Therapie und die Aufgabe des Berufswunsches Pilot führten ohne zusätzliche gravierende Teilhabeeinbußen nicht zu GdB 50.
Mindestens vier Injektionen: Therapieaufwand allein nicht ausreichend
Fehlen gravierende zusätzliche Einschränkungen und schwerwiegende Folgeerkrankungen, bleibt es regelmäßig bei GdB 40.
Tagesablauf, Beruf, Freizeit und Mahlzeiten
Die Teilhabeeinschränkung für GdB 50 setzt eine ganz erhebliche Beeinträchtigung in den konkreten Lebensbereichen voraus.
Außergewöhnlich schwer regulierbare Stoffwechsellage als eigenständiger Erhöhungsgrund
Beim Zusammenwirken von Diabetes mellitus, Morbus Addison und Morbus Basedow wurde der GdB von 40 auf 50 erhöht.
Insulinpumpe ausdrücklich vom Bewertungsmaßstab erfasst
Der GdB 50 setzt Therapieintensität, selbständige Dosisvariation, gravierende Lebensbeeinträchtigung und dokumentierte Messungen bzw. Pumpengaben voraus.
Adoleszenz und Privatsphäre: Positivbeispiel für GdB 50
Notwendige häufige Fremdkontrollen können bei Jugendlichen einen erheblichen Einschnitt darstellen, wenn sie die Entwicklung einer eigenen Privatsphäre und Selbständigkeit konkret beeinträchtigen.
Kinder und Jugendliche: keine automatische Höherbewertung
Allgemeine jugendspezifische Risiken und elterlicher Hilfebedarf genügen nicht; gravierende Beeinträchtigungen müssen sich im Einzelfall tatsächlich realisiert haben.
Herabsetzung: Diabetes mit Einzel-GdB 40
Bei fehlender gravierender zusätzlicher Teilhabebeeinträchtigung wurde ein insulinpflichtiger Diabetes mit Einzel-GdB 40 bewertet.
Leistungssport und Internatsleben: erhaltene Teilhabe als Gegenindiz
Bei Typ-1-Diabetes blieb es im konkreten Fall bei GdB 40, weil die zusätzlichen gravierenden Einschnitte und eine außergewöhnlich schwer regulierbare Stoffwechsellage fehlten.
Aktuelle Bestätigung: GdB 50 nur bei zusätzlicher gravierender Beeinträchtigung
Auch bei insulinpflichtigem Diabetes Typ 2 wurden über die typischen Belastungen hinausgehende gravierende Einschränkungen verlangt; ein höherer Einzel-GdB wurde abgelehnt.
15.2 Gicht
Bei Gicht sind insbesondere Dauer und Häufigkeit entzündlicher Schübe, Schmerzen, bleibende Gelenkfunktionsstörungen und mögliche Organbeteiligungen zu bewerten.
Ein einzelner akuter Gichtanfall genügt nicht für einen eigenständigen GdB, wenn keine dauerhaften funktionellen Auswirkungen objektiviert sind.
15.3 Fettstoffwechsel / Adipositas
Fettstoffwechselstörungen und Adipositas werden nicht schematisch nach Laborwerten oder Körpergewicht bewertet. Entscheidend sind Folge- und Begleitschäden sowie besondere funktionelle Auswirkungen.
Eine Adipositas allein führt nicht zu einem eigenen GdB. Folge- und Begleitschäden sowie besondere funktionelle Auswirkungen einer Adipositas permagna können jedoch berücksichtigt werden.
Erhebliches Übergewicht kann bei der Beurteilung des Gehvermögens mitberücksichtigt werden, wenn es behinderungsbezogene funktionelle Auswirkungen verstärkt.
Funktionelle Auswirkungen einer Adipositas permagna können auch für das Merkzeichen G erheblich sein, wenn sie die Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr behinderungsbedingt wesentlich einschränken.
15.4 Phenylketonurie
Bei Phenylketonurie bestimmen Alter, Diätanforderungen und tatsächliche Folgeerscheinungen den Bewertungsrahmen. Der Tabellenwert ist deshalb immer im Zusammenhang mit der konkreten Stoffwechsellage zu lesen.
Beim Vorliegen eines Hirnschadens ist der GdS vor allem vom Ausmaß der geistigen Behinderung und weiterer Folgen, etwa hirnorganischer Anfälle, abhängig.
15.5 Mukoviszidose
Bei Mukoviszidose ist eine Gesamtbetrachtung von Lungenfunktion, Gedeihen, Ernährungszustand, Infektanfälligkeit, Therapieaufwand und sonstiger Organbeteiligung erforderlich.
Bei nur leichter Lungenfunktionseinschränkung wurde die Mukoviszidose insgesamt mit GdB 30 bewertet. Der Hilfebedarf für Merkzeichen H ist bei einem GdB unter 50 konkret im Einzelfall zu prüfen.
Ein erwachsener Betroffener mit erheblichen pulmonalen und gastrointestinalen Organfolgen, aber erhaltener Erwerbstätigkeit und adäquatem Ernährungszustand wurde mit GdB 70 bewertet; 80–100 waren nicht erreicht.
Verfahrenshinweis: L 8 SB 337/24 bestätigt keinen bestimmten GdB materiell. Wegen fehlender Entscheidungsgründe und weiterem Ermittlungsbedarf wurde zurückverwiesen. Der Fall zeigt, dass Aktivität, Lungenfunktion, Gedeihen und Ernährungszustand konkret festgestellt werden müssen.
15.6 Schilddrüse
Schilddrüsenfunktionsstörungen sind häufig gut behandelbar. Ein relevanter GdB ergibt sich vor allem aus anhaltenden Funktionsfolgen, außergewöhnlichem Therapiebedarf oder Tumorerkrankungen einschließlich Heilungsbewährung.
Nach Ablauf der Heilungsbewährung zählt nicht mehr die frühere Tumordiagnose, sondern die konkrete Restfunktion. Im Fall einer totalen Schilddrüsen- und Nebenschilddrüsenentfernung wurde die verbliebene Calciumstoffwechselstörung verwaltungsseitig mit 20 berücksichtigt; entscheidend bleibt die Teilhabewirkung.
Nach fünf Jahren ohne Rezidiv oder Metastasen durfte der frühere Tumor-GdB 50 entfallen. Im konkreten Fall blieben nur geringfügige Restfolgen; der Gesamt-GdB sank auf unter 20.
15.7 Addison-Syndrom
Bei Nebennierenrindeninsuffizienz sind unter Therapie verbleibende Einschränkungen, Krisenneigung und die konkrete Belastbarkeit ausschlaggebend.
Historische Linie: 2006 wurden unter der damaligen AHP-Systematik regelmäßig GdB 60 bei Jungen, 70 bei Mädchen und 80 bei zusätzlichen Fehlbildungen angenommen. Diese Linie ist heute nur noch als Entwicklungsgeschichte zu lesen.
Der 13. Senat relativierte die ältere hohe Bewertung und hielt im konkreten AGS-Fall GdB 30 für ausreichend.
Aktuellere Leitlinie: Die Diabetesmaßstäbe aus Nr. 15.1 können für die GdB-Bewertung analog herangezogen werden, soweit es um den Therapieaufwand geht. Im konkreten Fall blieb es bei GdB 30; eine automatische Übertragung der Diabetes-Regeln zum Merkzeichen H wurde abgelehnt.
15.8 Porphyrien
Bei Porphyrien sind Form, Häufigkeit und Schwere der Schübe sowie neurologische, viszerale und kutane Folgen zu berücksichtigen; die Diagnose allein bestimmt den GdB nicht.
Wichtige Abgrenzung: Der Tabellenwert 30 für die akut-intermittierende Porphyrie darf nicht auf einen lediglich genetisch nachgewiesenen, klinisch symptomlosen Genträger übertragen werden. Im Detmolder Fall war ein früher festgestellter GdB 30 materiell fehlerhaft und wirkte lediglich wegen Bestandskraft fort.
Rechtsprechung zu Teil B Nr. 15 – Stoffwechsel, innere Sekretion
Rechtsprechung zu Teil B Nr. 15 VersMedV
Die Rechtsprechung konzentriert sich sehr unterschiedlich auf die einzelnen Unterziffern. Besonders dicht ist sie bei Diabetes mellitus, Lipödem, Mukoviszidose, Schilddrüsentumoren und beim adrenogenitalen Syndrom. Zu Gicht, Phenylketonurie, LDL-Apherese, Cushing-Syndrom und Porphyrien finden sich dagegen nur wenige Entscheidungen mit eigenständigem Bewertungsgehalt.
Die folgende Übersicht unterscheidet bewusst zwischen materiellen GdB-Entscheidungen, Vergleichsfällen und rein verfahrensrechtlichen Entscheidungen.
| Bereich | Entscheidung | Kernaussage |
|---|---|---|
| 15.1 Diabetes mellitus |
LSG Niedersachsen-Bremen 14.02.2024 – L 13 SB 90/23 |
Bei Jugendlichen genügt weder das abstrakte Risiko sozialer Benachteiligung noch der elterliche Hilfebedarf für GdB 50. Erforderlich ist eine im Einzelfall tatsächlich realisierte gravierende Beeinträchtigung der Lebensführung; im konkreten Fall blieb es unterhalb 50. |
| 15.1 Diabetes mellitus |
LSG Niedersachsen-Bremen 14.02.2024 – L 13 SB 60/23 |
Auch bei einem 9- bis 13-jährigen Kind führt intensivierte Insulintherapie mit elterlicher Unterstützung nicht automatisch zu GdB 50. Ohne gravierende, über den typischen Therapieaufwand hinausgehende Teilhabeeinbußen blieb es bei GdB 40. |
| 15.1 Diabetes mellitus |
LSG Nordrhein-Westfalen 26.07.2024 – L 13 SB 57/22 |
Diabetes mellitus Typ 1 wurde mit GdB 40 bewertet. Für GdB 50 fehlten eine außergewöhnlich schwer regulierbare Stoffwechsellage und gravierende zusätzliche Einschnitte; die altersunabhängige Teilhabebewertung bleibt maßgeblich. |
| 15.1 Diabetes mellitus |
LSG Niedersachsen-Bremen 28.08.2025 – L 10 SB 89/23 |
Das LSG hob die erstinstanzliche Zuerkennung von GdB 50 auf. Trotz Typ-1-Diabetes, zusätzlicher Zöliakie und erheblichem subjektivem Therapieaufwand fehlten die für GdB 50 erforderlichen gravierenden Einschnitte; Diabetes und Gesamt-GdB wurden mit 40 bewertet. |
| 15.2 Gicht |
SG Aachen 27.10.2020 – S 12 SB 355/19 ZVW |
Ein einzelner akuter Gichtanfall ohne nachgewiesene fortdauernde Gelenk-, Schmerz- oder Organfolgen begründet keinen eigenständigen messbaren GdB. Entscheidend sind die tatsächlich verbliebenen Funktionsauswirkungen. |
| Lipödem – analoge Bewertung |
LSG Sachsen-Anhalt 03.12.2014 – L 7 SB 69/09 |
Mangels eigener VMG-Werte ist das Lipödem funktionell analog zum Lymphödem nach Teil B Nr. 9.2.3 zu bewerten. Bei massivem, elefantiasisähnlichem Befund und gravierender Gehbeeinträchtigung bis etwa 200 m hielt der Senat einen Einzel-GdB von 60 für sachgerecht. |
| Lipödem – analoge Bewertung |
LSG Baden-Württemberg 18.11.2021 – L 6 SB 3746/20 |
Bei Lipödemen an beiden Armen und Beinen ohne wesentliche objektivierbare Funktionsbehinderung bewertete der Senat das Funktionssystem Stoffwechsel/innere Sekretion mit GdB 20. Schmerzen wurden gesondert im Funktionssystem Psyche/Schmerz berücksichtigt. |
| 15.3 Adipositas |
BSG 30.04.2019 – B 9 SB 76/18 B |
Adipositas allein begründet keinen GdB. Berücksichtigungsfähig sind Folge- und Begleitschäden sowie besondere funktionelle Auswirkungen einer Adipositas permagna; die Nichtzulassungsbeschwerde wurde als unzulässig verworfen. |
| 15.5 Mukoviszidose |
Bayerisches LSG 28.01.2010 – L 15 SB 5/03 |
Bei ausgeprägter multisystemischer Mukoviszidose mit pulmonalen Infekten, Darm-, Pankreas- und weiteren Organfolgen wurde ein GdB von 70 getragen; der Bereich 80–100 war wegen erhaltener Erwerbstätigkeit und adäquatem Ernährungszustand nicht erreicht. |
| 15.5 Mukoviszidose |
LSG Sachsen-Anhalt 26.03.2013 – L 7 SB 58/08 |
Ein GdB von 30 erfasste die Mukoviszidose insgesamt einschließlich nur leichter Lungenfunktionseinschränkung. Für Merkzeichen H war bei einem GdB unter 50 eine konkrete Einzelfallprüfung des Hilfebedarfs erforderlich. |
| 15.5 Mukoviszidose – Verfahrensrecht |
LSG Baden-Württemberg 13.09.2024 – L 8 SB 337/24 |
Keine materielle Bestätigung eines bestimmten Mukoviszidose-GdB: Das LSG hob die erstinstanzliche Entscheidung wegen fehlender Entscheidungsgründe auf und verwies zurück. Der Fall zeigt, dass Aktivität, Lungenfunktion, Gedeihen, Ernährung und Hilfebedarf konkret aufgeklärt werden müssen. |
| 15.6 Schilddrüse |
LSG Nordrhein-Westfalen 26.01.2010 – L 6 SB 52/09 |
Nach Ablauf der Heilungsbewährung eines papillären Schilddrüsenkarzinoms sind die verbleibenden Funktionsfolgen maßgeblich. Totale Schilddrüsen- und Nebenschilddrüsenentfernung mit Calciumstoffwechselstörung war verwaltungsseitig mit 20 berücksichtigt; die genaue Bezeichnung einzelner Behinderungen ist nicht selbständig einklagbar. |
| 15.6 Schilddrüsentumor / Heilungsbewährung |
LSG Berlin-Brandenburg 20.12.2012 – L 11 SB 192/08 |
Nach rezidivfreiem Ablauf der fünfjährigen Heilungsbewährung durfte der zuvor mit GdB 50 bewertete Schilddrüsentumor neu nach den Restfolgen bewertet werden. Im konkreten Fall blieben nur geringfügige Einzelbeeinträchtigungen, sodass der Gesamt-GdB unter 20 sank. |
| 15.7 AGS mit Salzverlust – historische Rechtsprechung |
LSG Niedersachsen-Bremen 03.05.2006 – L 9 SB 45/03 |
Historische AHP-Rechtsprechung: Der Senat nahm bei AGS mit Salzverlust hohe GdB-Werte von 60/70 und bei zusätzlichen Fehlbildungen 80 an. Diese ältere Linie ist unter der heutigen VMG-Rechtslage durch spätere Entscheidungen deutlich relativiert worden. |
| 15.7 AGS mit Salzverlust |
LSG Niedersachsen-Bremen 25.05.2016 – L 13 SB 87/15 |
Der 13. Senat rückte von der älteren hohen Bewertung ab. Unter Berücksichtigung des Therapieaufwands und der tatsächlichen Teilhabefolgen blieb es im konkreten AGS-Fall bei GdB 30; ein höherer GdB und H über den maßgeblichen Zeitraum hinaus wurden verneint. |
| 15.7 AGS mit Salzverlust |
LSG Berlin-Brandenburg 27.10.2022 – L 11 SB 65/18 |
Für den GdB können die Maßstäbe des Diabetes nach Nr. 15.1 analog herangezogen werden, soweit es um den Therapieaufwand geht. Im konkreten AGS-Fall war GdB 30 ausreichend; eine automatische Übertragung der Diabetes-Regeln zum Merkzeichen H lehnte der Senat ab. |
| 15.8 Porphyrien |
SG Detmold 14.08.2019 – S 14 SB 151/18 |
Der Fall ist kein positiver Beleg dafür, dass jede genetisch nachgewiesene AIP automatisch GdB 30 trägt. Das Gericht hielt die frühere GdB-30-Bewertung bei klinisch symptomlosem Genträger für materiell fehlerhaft; sie wirkte nur wegen Bestandskraft fort. |
Lipödem
Das Lipödem ist in Teil B Nr. 15 nicht mit einem eigenen Tabellenwert geregelt. Für die versorgungsmedizinische Einordnung sind deshalb die konkreten funktionellen Auswirkungen und eine sachgerechte analoge Bewertung maßgeblich.
Das Gericht ordnete das Lipödem dem Funktionssystem Stoffwechsel/innere Sekretion zu und zog zur konkreten Bewertung die für Lymphödeme vorgesehenen Funktionskriterien ergänzend heran.
LSG Sachsen-Anhalt
03.12.2014 – L 7 SB 69/09 Mang
Die Entscheidung erging zur früheren Fassung der VMG; Teil B Nr. 15 enthält auch heute keine eigenen Lipödem-Werte.
Der 6. Senat bestätigt die analoge Heranziehung von Teil B Nr. 9.2.3. Bei beidseitigem Arm- und Beinlipödem ohne wesentliche objektivierbare Funktionsbehinderung hielt er GdB 20 für angemessen; Schmerzen wurden nicht nochmals im Lipödem-GdB verdoppelt, sondern im dafür maßgeblichen Funktionssystem berücksichtigt.
LSG Baden-Württemberg
18.11.2021 – L 6 SB 3746/20 Bei